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DIE KÜCHEN- FISCHER VON KALIFORNIEN

Jan und Erik Meyer teilen eine Leidenschaft, die seit acht Generationen in der Familie liegt: Vater und Sohn gehören zu den letzten Berufs-Fischern Schleswig-Holsteins. Fast jeden Tag fahren sie hinaus auf die Ostsee – und versorgen abends die Küste mit ihrem frischen Fang

Wenn die Morgensonne kühl auf das Westende der Marina Wendtorf bei Kiel scheint, ist die Stille im Hafen so bestechend schön, dass jeder, der herkommt, unbewusst tiefer einatmet. Dann das Scheppern von Plastikkisten auf metallenem Schiffsboden, dazu Musik von Whitney Houston: Jan und Erik Meyer sind da. Beide ganz in orangenem Ölzeug. Der Junior mit Strickmütze, der Senior mit Schifferhut. Wer das Sagen an Bord des Kutters „FK California II“ hat? Beide. Die Fischer sind ein eingespieltes Team, das nicht viele Worte braucht. Während Erik weiter laut die bunten Wannen an Deck stapelt, in denen er später seinen Fang nach Hause fahren wird, steht sein Vater schon im Ruderhaus. Neben dem Weltempfänger, der statt Whitney jetzt die NDR1-Nachrichten spielt, greift Jan zum Steuerknüppel. „Einmal einstellen, fertig“, sagt er unverkennbar norddeutsch. Per Autopilot fährt der Kutter jetzt gut eine halbe Seemeile auf die Kieler Förde hinaus. Die Fanggründe kennt Jan wie die Tasche seiner wasserdichten Latzhose. Seit er ein kleiner Junge war, fängt der heute 66-Jährige seinen Fisch auf der Ostsee zwischen Flensburg und Fehmarn.

„Als Achtjähriger habe ich dauernd die Schulauf- gaben vergessen, weil ich lieber angeln wollte“, erzählt der Mann, dem die wachen Augen eines Jungen geblieben sind. Sein Vater drängte ihn vor rund 50 Jahren zu einer Kochlehre. „Damals war der Preis für Fisch schlecht, weil es hier viel zu viele Fischer gab“, erklärt Jan. „Da hat er gesagt: Du lernst erstmal ’n vernünftigen Beruf. Danach kannst du Fischer werden.“

Jan lernte beides. Und lebt heute, wo von einst mehreren tausend nur noch 76 Berufsfischer in ganz Schleswig-Holstein übrig geblieben sind, gut davon. Was er und Erik heimbringen, verarbeiten sie in der Küche des nahen Familienrestaurants sofort weiter. „So sind wir zu unserem Spitznamen gekommen“, sagt Jan. An ihrem Küstenstreifen sind Junior und Senior als „die Küchenfischer“ bekannt. „Unsere Kollegen dachten, dass die uns damit ärgern können. Aber ich find’ das ’ne Auszeichnung“, sagt Erik. Dass er einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten würde, stand für ihn außer Frage. Obwohl Jan seinen Jüngsten nie darum gebeten hat. „Nee, man darf da keinen Druck machen“, sagt der. Von selbst sei Erik auf ihn zugekommen und habe nach der Ausbildung gefragt. Eine Ausbildung, die es in sich hat: Drei Jahre dauert die Lehre, es folgt ein praktisches Jahr auf See. Erst danach darf das Kapitänspatent erworben werden. Dazu gehören Maschinenschein und Funksprechzeugnisse – eins auf Deutsch, eins auf Englisch. Wer danach noch den Meisterbrief schafft, kann sich als Fischer selbstständig
machen, aus der Förde je nach Jahreszeit vor allem Dorsch und Butt, im Herbst auch Lachs und Meerforelle, im Frühling hin und wieder Hering an Land bringen.

MIT GEFÜHL, OHNE MITLEID
Der Kutter hält an. Jan und Erik sind bei den Netzen angekommen, die sie jeden Abend hier auslegen. Einen Talisman für eine sichere Fahrt über die Ostsee, deren Wellen so klein sind, dass der Kutter mitunter im selben Winkel schau- kelt wie eine Wippe auf dem Kinderspiel- platz, oder für einen besonders guten Fang gibt es an Bord nicht. „Wenn man abergläubisch ist, braucht man gar nicht erst losfahren“, sagt Jan und schweigt. Erik grinst. „Nur der letzte Stehder kriegt immer ’n Küsschen“, sagt er und holt die neonorangene Fahne auf der schmutzig-weißen Boje ein, die das Ende der Meyerschen Netze kennzeichnet. „Das muss!“, findet sein Vater. Nur Aberglaube, das wäre was Negatives. Und Jan ist ein positiver Mann, auch wenn er auf den ersten Blick schnell wie ein mürrischer Seemann wirken kann. Dabei spricht Vater Jan eher mehr als Erik. Der hat allerdings auch gerade zu tun: Er betätigt die Netzwinde, die jetzt automatisch und gleichmäßig surrend ein Geflecht an Bord zieht, das unentwirrbar scheint. Alle paar Zentimeter ein silbern glänzender Fischleib, den Erik mit dem Kopf zuerst senkrecht aus den Schlingen zieht – mit Gefühl aber ohne Mitleid. „Fisch ist ein Lebensmittel“, sagt er und streift den nächsten Dorsch aus seinem engen Garngefängnis, wirft ihn hinter sich. Der Fisch klatscht dumpf in der Wanne auf schnappt dort noch kurz nach Sauerstoff, um wenige Minuten später mit starren Augen liegen zu bleiben. „Das merken die nicht mehr“, sagt Erik. „Sobald der Dorsch das Wasser verlassen hat, ist der quasi ohnmächtig.“

Fünf bis zehn Kilometer Netz werfen die Meyers pro Fangtag aus. Ihre Technik: das sogenannte Stellnetz, geknüpft aus mehreren einzelnen, die fest im Boden verankert sind und von Schwimmern und Gewichten auseinandergehalten werden. Die Fische schwimmen von selbst hinein, oder werden von der Strömung hineingetrieben. Was kleiner als 38 Zenti- meter ist, fliegt zurück ins Meer und darf dort weiterschwimmen – vorerst zumindest.

Nach zwei grauen läuft nun ein Stück dunkelgrünes Netz gleichmäßig durch Eriks große Hände. „Da! Das habe ich in meiner Lehre selbst geknüpft.“, sagt er. „Da is’ man auch ’n bisschen stolz drauf.“ Einen vollen Tag lang hat Erik 1999 an seinem Gesellenstück gesessen. Bis heute arbeitet er fast jeden Tag damit. Sein Traumjob. „Viele denken ja, Fischer sind ’n bisschen blöde“, sagt er. Doch das tangiert den 36-Jährigen wenig. Für ihn ist sein Job „wie Urlaub“.

An Bord häufen sich die Fische. Es riecht nach Meer und Algen, eher salzig als fischig. Ein starker Duft, der sich direkt hinter den Nasenlöchern festsetzt und der nicht wegzuatmen ist. „Für mich bedeutet dieser Geruch Gelassenheit, keinen Stress“, sagt Erik. Auf dem Kutter fühlen er und sein Vater sich zu nichts gedrängt. „Wir können hier nur so schnell arbeiten, wie wir arbeiten“, sagt Jan. Neben seinem Gummischuh klatscht ein nasser, glitschiger Haufen aus dem Fangnetz auf den Bordboden und wackelt dann still im Takt der Wellen hin und her.

„Feuerquallen sind der lästigste Beifang“,sagt Erik und dreht dabei einen Krebs aus dem Fangnetz,dass die Beinchen nur so knacken. Scherenstücke fallen herab zum Quallen-Schleim. Nur den Zwei-Euro-Stück großen Körper wirft Erik zu- rück in die Ostsee. „Die Glieder wachsen sofort nach“, sagt er, grinst und greift nach dem nächsten Fisch. Dem letzten für heute. Das Netz ist zu Ende. Vater Jan lichtet den Anker und dreht bei.

MODERN AUCH OHNE TECHNIK
Im Ruderhaus grinsen seine sechs blonden Enkel aus braunen Holzrahmen. Daneben dudelt noch immer der Weltempfänger. Diesmal Lena Meyer-Landrut. Jan gefällt’s. „Bei Musik mag ich was Flottes“, sagt er. Tanzen gehen sowohl Jan als auch Erik selten. „Wenig Zeit“, sagt Jan und guckt aufs Meer. Neben ihm flimmert ein Echolot. „Da erkenne ich jede Fischsorte“, sagt er. Der Laie erkennt nur grüne, gelbe und orange Punkte, die tonlos über einen Bildschirm ziehen, ein digitales Schallbild dessen, was unter dem Boot passiert. Jan schaut nicht hin. Seine Fische fängt er auch ohne moderne Technik. Egal was passiert.

„Ich bin schon zwei Mal dem Teufel von der Schaufel gehüpft“, erzählt er. Einmal war die Gischt so stark, dass er kaum mehr etwas sehen konnte. Ein anderes Mal, 1977, wäre Jan sogar fast von Bord gegangen. „Da hat mich die Welle gepackt“, erinnert er sich. „Ich hab’ in der Luft an die Reling gegriffen und mich wieder reingezogen. Man glaubt nicht, was man da für Kraft hat, in so einer Situation. Danach habe ich einfach nur an Deck gelegen und nach Luft geschnappt.“

FRISCH AUF DEN TISCH
An Bord der „FK California II“ schnappt nichts mehr nach Luft. Butt und Dorsche liegen reglos in vier gestapelten Kisten: Jetzt fängt das Schlachten an. Mit einem handelsüblichen Küchenmesser schneidet Erik den Dorschen ein V unters Kinn und schlitzt dann den Fischbauch auf. Dem Butt wird mit zwei Schnitten der ganze Kopf abgetrennt. Noch bevor die ersten Reste und Innereien in den bereitgestellten Eimer klatschen, kreischt eine Möwe auf. Der ersten folgen hunderte weitere. „Ich weiß auch nicht, wo die immer alle herkommen“, sagt Erik und wirft ohne hinzusehen ein Stück Gedärm in den blauen Himmel. Die Vögel schreien laut und flattern um den Kutter wie rastlose Friedenstauben, bis dieser eine halbe Stunde später wieder an der Marina anlegt.
Jan und Erik spritzen das Deck ab. Die Fische glänzen jetzt auch von innen saubersilbern. „Dass der Fisch schon an Bord ordentlich ausblutet, ist eigentlich mit das Wichtigste“, sagt Jan. „Das schmeckt man sonst, zumindest bilde ich mir das ein.“ Er weiß, wovon er spricht.

Im Hotel-Restaurant „Seestern“ hat er Ölzeug gegen Kochschürze und Kapitäns- gegen Kochmütze getauscht. Auf einem Holzbrett filetiert er, was sein Sohn nur zwei, drei Stunden zuvor aus dem Meer gezogen hat. Spätestens am Abend, manchmal auch schon mittags, kommen Touristen teils busladungsweise in das Haus, das schon Generationen fischen- der Meyers vor ihm bewohnt und bewirtschaftet haben. „Die wollen die Frische und Qualität, die wir ihnen bieten“, weiß Jan.

Im Gastraum hängen Fotografien seines Geburtshauses, das gut 13 Autokilometer von der Marina entfernt in der kleinen Ortschaft Kalifornien steht. Ein Dorf-Name, den Touristen sich gut merken kön- nen. Einer alten Sage nach wurde das Seebad einst nach einem Schiff benannt, das dort strandete und genauso hieß. Jan hat noch eine andere Geschichte: „Hier war nichts, als mein Großvater das Grundstück gekauft hat“, sagt der 66-Jährige. „Er hat hier sei- nen Fisch gefangen und am Nordostseekanal gegen Zement eingetauscht. Daraus sind die ersten Ziegel dieses Hauses entstanden.“

Ein Haus, das immer weiter ausgebaut wurde. Mit Kuchenterrasse auf dem Deich. Das Restaurant liegt unten, ohne Meerblick, und ist trotzdem immer voll. Plattenweise tragen Erik, seine Mutter und seine Ehefrau die besten Stücke Dorsch und Butt an Salzkartoffeln und Salat zu ihren Gästen. Zwischen den Filets liegen Zitronenscheiben. „Zur Deko“, betont Erik. „Zitrone is’ für Touristen. Wer die benutzt, outet sich sofort.“ Als was? Als einer, der nicht weiß, dass guter Fisch ohne besser schmeckt – und dass es bei Meyers seit Jahrzehnten eigentlich noch nie einen Fisch gegeben hat, der nicht frisch gewesen wäre.

FOTOS: FLORIAN BÜTTNER TEXT: ANNA SCHUNCK